Von der Herausforderung, eine indische (Ehe)Frau zu sein

Von Hetali’s Hochzeit habe ich ja schon berichtet. Ihre Heirat war eine Liebesheirat – etwas immer noch sehr seltenes in Indien. Ihr langjähriger Freund und heutiger Verlobter lebt seit acht Jahren in den USA, und dorthin zieht Hetali sofort nach Studienende im Mai um. Für meine kleine Hetali beginnt damit ein neues Leben. Und das nicht nur geographisch. Das nicht nur in Bezug auf all die möglichen Kulturschocks, die meine kleine moralverfechtende Freundin in einem Land durchleben wird, in dem in jedem Lokal Alkohol getrunken werden darf, in dem Töchter ihren Freund mit nach Hause bringen (Hetali’s Kommentar dazu: „Wie, das ist keine Erfindung amerikanischer Filmregisseure sondern Wirklichkeit?”) und in dem Heiraten keine Pflicht zur sozialen Absicherung der Frau ist.

Für Hetali beginnt auch eine neues Leben, weil sie das Leben einer typischen indischen Ehefrau führen wird und sich darin trotz der geographischen Entfernung nicht von ihren indischen Freundinnen unterscheiden wird.

Nach der Hochzeit zieht die typische indische Ehefrau in den Haushalt ihrer Schwiegereltern ein. Damit kommen neue Pflichten auf sie zu. Der Tag beginnt morgens zwischen vier und fünf Uhr. Denn bevor der Mann (und in immer mehr Fällen auch sie selbst) zur Arbeit geht und die Kinder in den Schulbus einsteigen, gilt es zu baden, die Wohnräume zu fegen, (für südindische Frauen: ein Rangoli mit weißer Kreide vor den Hauseingang zu zeichnen) und ein warmes Frühstück für die Familie zu kochen. Die Familie, das sind für die meisten Frauen nicht nur Mann und Kinder, sondern auch die Großeltern.

Immer mehr indische Frauen, insbesondere in der wachsenden gebildeten städtischen Mittelschicht, arbeiten Vollzeit. Das befreit sie nicht von ihren häuslichen Pflichten. Im Gegenteil, sie stehen noch früher auf, um auch das Mittagessen, welches ihr Mann dann im „Henkelmann” zur Arbeit mitnimmt, vor Tagesanbruch zuzubereiten.

Wir sprechen im Westen immer davon, wie hart es doch für Frauen ist, die „Doppelbelastung” Familie und Beruf zu vereinbaren. Wir beklagen uns über die ungerechte Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Ich denke an Eva Hermann, die das Leben hinterm Herd als die wahre Selbstverwirklichung einer Frau verherrlicht. Ihre Geschichten klingen aus indischer Sicht wie aus einer anderen Welt…

Vielleicht sollten wir uns manchmal ein Beispiel an unseren indischen Gegenübern nehmen. Wir fühlen uns stärker als unsere „armen” Schwestern in weniger emanzipierten Ländern. In Wirklichkeit sind wir nur freier, haben es deutlich leichter im Leben. Ich für meinen Teil bin mir auf jeden Fall sicher, ich wäre zu schwach, um in dieser maskulinen Welt zu überleben, in der dir niemand die Tür aufhält, niemand hilft die schweren Taschen zu tragen, niemand hilft den Tisch abzuräumen oder „den Müll herunterbringt”, in der du abends nach neun nicht alleine das Haus verlassen solltest, weil du zu Freiwild wirst, in der du deine eigenen Bedürfnisse stets hinter die deines Mannes und seiner Familie stellst.

In Hetali’s Hochzeitsglückwunschkarte steht „Die Tugenden einer Frau sind Loyalität, Solidarität, Geduld und Fleiß. Diese Tugenden werden dir helfen, deine neue Aufgabe zu meistern.” Ich habe großen Respekt vor dem Schritt, den meine kleine indische Freundin macht.

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