Hetali’s Hochzeit

Von Chennai aus fliege ich über Mumbai nach Baroda, einer kleinen Stadt im Staate Gujarat nördlich von Mumbai. Dorther kommt meine liebe kleine Freundin Hetali, die am 10. März heiratet.

Am kleinen Flughafen von Baroda steht ein junger Mann (Hetali’s Bruder) mit zwei Kindern (Hetali’s Cousine & Cousin), die ein kleines Schild hochhalten, auf dem auf deutsch steht „Herzlich willkommen Britta!”. Hetali’s Bruder hat für neun Monate in Aachen studiert und erinnert sich noch ein wenig an die paar Worte Deutsch, die er gelernt hat,

Um mich mit meinem großen Gepäck abzuholen, wurde extra einen Jeep organisiert. Eigentlich hat nämlich niemand in Hetali’s Familie ein Auto, sondern man fährt Motorrad. Die Fahrt durch Baroda zum Haus von Hetali’s Familie ist schon in sich ein Abenteuer. Neben den üblichen Kühen und Ziegen am Straßenrand werden hier auch Lasten von Kamelen durch die Straßen gezogen. Es gibt nur wenige Autos auf den Straßen, dafür um so mehr Two-Wheeler, wie die Inder die knatternden Motorräder, Mopeds und Mofas nennen.

Hetali winkt vom Balkon, als wir ankommen. Dort sitzt sie seit fünf stunden geduldig, um ihr Mehendi auftragen zu lassen, das sind kunstvolle Henna-Zeichnungen auf den Handflächen, an den Armen, Füßen und Beinen.

Im Haus herrscht großer Trubel, viele Verwandte sind schon da, alle Frauen (auch ich) erhalten ein kleines Mehendi auf Handflächen und Armen. Hetali’s Mutter, eine liebe Frau Mitte Vierzig, deren langer geflochtener Zopf ein paar graue Strähnchen zum Vorschein bringt, singt mir ein Willkommenslied und tupft mir einen roten Punkt auf die Stirn – ich kann mir, wie immer, nicht merken wie das heißt.

Es gibt köstliches Mittagessen und ich darf ein Schläfchen halten, bevor ich für den Abend angekleidet wird. Die Zeremonie dieses Abends heißt „Garba”, das ist ein traditioneller Volkstanz im Staate Gujarat, der im Kreis zu rhythmischer, live gespielter Volksmusik getanzt wird. Auf den Fotos, die ich einstelle, ist auch das klassische Gewand zu sehen, das ich zu diesem Zwecke trage. Es wurde mir von Hetali’s Mama geliehen. Die Feier geht bis tief in die Nacht und zu später Stunde erscheint auch endlich Hetali’s Bräutigam samt Familie, die ich schon auf so vielen Fotos gesehen habe.

Am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen, denn ein Priester kommt, um ein reinigendes Ritual zu vollziehen, das sich zu meinem Erstaunen mehr an Hetali’s Bruder und dessen Frau richtet, als an Hetali. Wieder werden sämtliche Gewürze geschwenkt und Punkte in Gesichter gemalt, was ich nicht alles wiedergeben kann. Darauf folgt eine Prozession zum Hause von Hetali’s Onkel, wo wir alle Eiskrem bekommen. Von dort aus marschieren wir mit Tanz und Musik zurück, nun erhält Hetali die Hochzeitsgeschenke ihrer Familie mütterlicherseits.

Am Abend findet wieder ein großes Ritual statt, zu dem auch die Familie von Hetali’s Bräutigam kommt. Braut und Bräutigam werden mit Gelbwurz (Kurkuma) gepudert, dem reinigende Kräfte zugesprochen werden. Danach gibt es hervorragendes Gujarati Essen (eine süßliche Küche), außerdem Live-Musik und Tanz.

Erst am darauffolgenden Tag findet die eigentliche Hochzeit in einer „Wedding Hall” statt. In der Mitte der Halle nehmen Braut und Bräutigam auf einer Art mit Blumen geschmückten Podest Platz. Zwar gehören beide zur Kaste der Brachmanen, jedoch ist Hetali Gujarati und ihr Bräutigam Maharati (aus dem Staate Maharastra). Dementsprechend treffen zwei Kulturen mit verschiedenen Ritualen aufeinander. All diese Details hier zu erläutern wäre zu viel… Kurz gefasst: nach drei Stunden voller verschiedenster Rituale laufen die beiden endlich sieben mal um ein kleines Feuer und sind somit verheiratet!

Nach dem Hochzeitsmahl steigt Hetali mit ihrer Schwiegerfamilie in ein kleines weißes Auto und reist ab – sie lebt von nun an im Haushalt ihrer Schwiegereltern, ein trauriger Abschied für ihre Eltern.

Ich verbringe die letzten Stunden vor meiner Abreise mit Hetali’s Familie in deren Haus. Wie lieb habe ich all die Onkels und Tanten, Cousinen und Cousins, Oma und Opa in den wenigen Tagen gewonnen! Mit viel Winken und Drücken werde ich verabschiedet und mache mich in einem Nachtbus auf die Reise nach Diu, wo ein sauberes Einzelzimmer mit separatem Bad (zum ersten mal ein Bad nur für mich im Jahre 2008!!!) auf mich wartet.

Jetzt beginnt meine große Indien Reise!

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