Fotos sind da!

Auf der Foto-Seite von Britta’s Planet gibt’s jetzt endlich alle Fotos aus Indien, einschließlich Hetali’s Hochzeit, dem Kerala Class Trip, meiner Farewell-Party und dem zweiten Teil der Indien Reise. (Passwort weiterhin annett)

Ich bin in der Zwischenzeit wieder in Mannheim angekommen und fühle mich jetzt, nach einem ersten kurzen Reverse Cultural Shock auch wieder wie eine “echte” deutsche Studentin, wenn ich morgens mit dem Fahrrad zur Uni radele.

Freue mich euch alle bald auch wieder persönlich zu treffen.

Ich packe meinen Koffer und nehme mit…

Ich packe meinen Koffer und nehme mit…

-          die Hoffnung, dass Freundschaften 7000 km Distanz überstehen
-          eine große Portion Gelassenheit, die ich dringend nötig hatte
-          das Wissen, dass ich nicht im Zentrum des Geschehens stehe und ich „weiß, dass ich nichts weiß“
-          ja, auch Schulbücher und frisches Business-Wissen
-          die schlechte Angewohnheit, zu spät zu kommen, die ich mir schnellsten abgewöhnen muss…
-          ein paar Worte Hindi und 2 CDs mit Hindi Songs
-          viele kleine Erinnerungen an die in fast jeder Hinsicht wahrscheinlich intensivsten zwei Monate meines Lebens
 

Gemischte Eindrücke einer langen Reise

Nach 4 langen Wochen geht meine All-India Reise zuende. Sie hat mich von Baroda und Diu über Mumbai nach Rajasthan (Udaipur, Jodhpur, Jaisalmer, Jaipur), Agra und Khajuraho bis nach Delhi geführt. Auf dem Weg habe ich einige der beeindruckendsten Tempel und Paläste gesehen, die mir bisher zu Augen gekommen sind. Das Taj Mahal ist wirklich so schön und beeindruckend wie man es sich vorstellt. Bombay ist eine wirklich coole Metropole. Aber neben den vielen schönen Eindrücken der Reise bleibt auch ein bittersüßer Beigeschmack von einem „anderen Indien“ als dem, was ich in meinen vorigen zwei Monaten in Chennai erlebt habe. 

Zum einen wirst du als Tourist einfach ganz anders behandelt – allein aufgrund deiner Hautfarbe scheint jeder zu versuchen, Geld mit dir zu verdienen, dir den doppelten Preis abzuknöpfen, egal ob es um eine Taxifahrt oder eine Flasche Wasser geht. Selbst die indische Regierung nimmt von dir den zehnfachen Eintrittspreis wie von Indern. Natürlich ist das meistens immer noch günstiger als in Europa, aber du beginnst dich wie ein laufender Geldautomat zu fühlen, zu dem Menschen nur freundlich sind, so lange er Münzen und Scheine auswirft…  Dieses Gefühl hatte ich in Chennai nie, und ich bin auf der einen Seite froh zu wissen, dass dieses Verhalten nur typisch für die Touristenzentren Indiens ist, auf der anderen Seite jedoch auch traurig weil es sicherlich bei den meisten Indien-Besuchern einen falschen Eindruck vom Land hinterlässt. 

Zum anderen habe ich außerhalb der sicheren Oase des IIT Campus natürlich verstärkt die unangenehmen Seiten Indiens miterlebt:
-          Stromausfälle (damit jeweils verbunden unterbrochene Kühlketten!),
-          Dreck (Kuh- und Hundemist in allen Straßen),
-          unhygienische Zustände (Kakerlaken im Zugabteil, Kinder, die am Straßenrand ihre Exkremente hinterlassen, ständig dreckige Toiletten),
-          unsauberes Essen (3 Tage im Bett gelegen in Jaisalmer),
-          Lärm (Hupen, Hundebellen, laute Autorikschas bis spät in die Nacht),
-          bettelnde Kinder, die nicht zur Schule gehen und und und…  

Schon früher habe ich bemerkt, dass Indien noch einen langen Weg gehen muss, bis der an meiner Uni gehegte Traum der Wirtschaftsmacht wahr wird. Meine Reise hat diesen Eindruck sicher verstärkt, und ich denke ohne das Wissen über die Fähigkeiten und Stärken der Inder und das große Potenzial des Landes, was mir in Chennai vermittelt wurde, würde ich Indien verlassen und denken, ich hätte ein hoffnungsloses Entwicklungsland besucht. Ich bin froh, dass ich gelernt habe, die Stärken Indiens anzuerkennen und die aktuellen Entwicklungen zu schätzen. 

Ich glaube jetzt zu verstehen, warum viele Menschen auf Länder wie Indien herabschauen und ich sehe es nach all den positiven Erfahrungen der letzten Monate ein wenig als meine Pflicht an, Botschafterin des aufstrebenden Indiens zu sein, des Lichts am Ende eines Tunnels von Armut und Rückständigkeit.

Dennoch haben die Eindrücke der letzten Wochen auf Reisen auch dazu geführt, dass ich inzwischen sicher bin, dass manche Dinge in Indien nie zu ändern sind und ein hoher westlicher Lebensstandard in den nächsten zwanzig Jahren sicherlich ein Privileg der Mittel- und Oberschicht sein wird. Die Tatsache, dass diese Gruppe in den nächsten 10 Jahren bis auf 30% der Bevölkerung zunehmen wird, ist sicherlich für Indien ein ganz großer Schritt. Dennoch bedeutet es immer noch, dass 70% der Bevölkerung in rückständigen Verhältnissen leben, und davor sollten auch optimistische aufstrebende Inder ihre Augen nicht verschließen…

Sayings about India…

Ich fand in den letzten Monaten einige Weisheiten über das Leben in Indien ganz treffend…

“Indien ist eine Trickkiste, die es immer wieder schafft dich zu überraschen.”

“Das Leben in Indien erfordert viel Geduld und Toleranz.”

(beides Javier Moro, Pasión India)

“Indians have the constant habit of overpromising and underperforming.”

(Manager einer indischen Bank während einer Podiumsdiskussion meiner Uni – leider in sämtlichen Lebenslagen zutreffend)

“…after some time”

(oft gehörte Antwort auf die Frage, wann genau ein gewünschtes Ereignis, vom Eintreffen eines Zuges bis zur Reperatur einer Glühbirne, eintreten würde)

“What you cannot cure you have to endure”

(ständig von meinem HR Professor gebrauchtes Sprichwort, was dazu auffordert, jeden unangenehmen Zustand - von einem unbefriedigendem Job bis zu einer unglücklichen arrangierten Hochzeit – zu ertragen 

Du weißt, dass du lange in Indien gewesen bist, wenn…

Du weißt, dass du lange in Indien gewesen bist, wenn…

1)      der Hotelboy an deiner Tür klopft, weil du deine Schuhe außen vor deinem Zimmer stehen gelassen hast
2)      du fast deinen Flug verpasst, der dich 10.000 Rupien gekostet hat, weil du mit einem Rikscha-Fahrer darüber verhandelst, ob er dich nicht für 40 statt für 60 Euro zum Flughafen fährt
3)      du nach Zucker für dein Glas Tee fragst, das schon zwei Teelöffel Zucker enthält
4)      du von Europäern darauf hingewiesen wirst, dass du mit dem Kopf wackelst
5)      du beginnst, den Anblick einer rauchenden Frau moralisch verwerflich zu finden  
 

All India Tour Part 1 (Fotos auf Brittas-Planet!)

Hallo Ihr Lieben,

nachdem ich in Diu, einem “Beach Resort” nach Hetali’s Hochzeit einige Tage Zeit zum Faul sein und Hausarbeiten-zu-Ende-schreiben hatte, hat nun meine grosse All-India-Tour mit Sandra begonnen.

Diu, das war eine kleine, ehemals portugiesische Insel vor Gujarat. Aus portugiesischer Zeit fanden sich noch viele kleine und grosse Kirchen, die fuer mich in Indien stets ein willkommener Ort der Ruhe und frischen Luft sind. Die Straende waren leer bis auf einige maennliche Reisegruppen, die nach echt indischer Manier eine Menge Krach gemacht haben. Strand, das bedeutet in Indien (ausserhalb der Touri-Hochburg Goa) allerdings auch nicht Sonne, Bikini und Baden, sondern verhuellte Spaziergaenge, auf denen man an zahlreichen Staenden, die am Strand entlang verteilt sind, allerlei Snacks wie geroestete Erdnuesse, Bhel Puri oder Eis probiert.

Von Diu bin ich nach Mumbai geflogen. Mumbai, davor hatte ich eine Menge Respekt… Eine sechzehn-Millionen-Stadt alleine besuchen, ist das so eine gute Idee? Am ersten Tag stellte sich heraus, ja. Ich fand meinen Weg in ein Frauen-Abteil eines der weltbekannten Mumbai local trains (ja richtig, die auf deren Daechern Leute sitzen und die vor Menschenmengen aus allen Naehten platzen) und kam so nach ‘downtown’. Mein erster Eindruck erinnerte mich an London im Sommer mit all den viktorianischen Kolonialbauten, die die Englaender hinterlassen hatten. Mumbai ist zu gleich reicher und aermer als der Rest Indiens. Waehrend auf der einen Seite moderne Upper-Class-Inderinnen im Mini-Rock an mir vorbeispazierten, bettelten auf der anderen Seite kleine Kinder aus dem naechst gelegenen Slum. Mehr als die Haelfte von Mumbai’s Bevoelkerung lebt in Slums und dieser krasse Kontrast von arm und reich wirkt auf uns Europaer immer befremdlich. Aber in Indien gilt “poverty is just another way of life” (Zitat von einem Kommilitonen) und man muss lernen, Armut und soziale Gegensaetze zu akzeptieren, um sich ohne Kulturschock frei bewegen zu koennen.

Am Abend war ich dann bei Shilpa’s (Kommilitonin) Eltern zum Essen eingeladen, hmmmm… koestlich! Nach einem Bootsausflug nach Elephanta Island, einer vorgelagerten Insel mit uralten Hoehlen, in deren Stein Goetter gemeisselt wurden, konnte ich dann am Samstag abend endlich Sandra in Empfang nehmen!

Welch Erleichterung! Nach 2 1/2 Monaten konnte ich endlich all die Geschichten, die ich in diesem Jahr erlebt habe, auf jemanden einplappern. Der armen Sandra haben glaub ich spaetestens am naechsten Tag die Ohren geklingelt. Nach einem Besuch auf dem Mumbai IIT-Campus, wo ich noch einige Kommilitonen treffen und mich verabschieden konnte, haben wir uns auf den Weg nach Udaipur gemacht.

Udaipur, das liegt in Rajasthan, dem wohl meist besuchten Staat in Indien neben Goa. Doch waehrend sich in Goa die Hippies am Strand tummeln, wird Rajasthan wegen seiner Maharaja Palaeste, Wueste und nordindischen Kultur besucht. Udaipur liegt an einem See, auf dem zwei Maharaja Palaeste wie aus 1001 Nacht schwimmen (auf einem wurde der “Octopussy” James Bond gedreht, der in den meisten Touri-Restaurants den ganzen Abend rauf und runter gespielt wird). Obwohl die Altstadt mit See und Palaesten wohl der romantischste Ort in Indien ist, der mir bisher begegnet ist, fuehlte Udaipur sich fuer mich doch ein bisschen befremdlich an, da auf einmal ueberall Weisse waren, wir mehr Deutsch und amerikanisches Englisch als Hindi hoerten und das Preisniveau auf fast europaeische Verhaeltnisse hoch schnellte. Leider musste ich an verschiedenen Stellen immer wieder feststellen, dass ich jetzt, da ich mich nicht mehr im “sicheren Kreis” meiner indischen Freunde bewege, sondern als typisch westlicher Tourist angesehen werde, auch dem “Overcharging” zum Opfer falle, das heisst man verkauft uns teurere Bustickets, wir bezahlen den 50% Aufpreis fuer eine Flasche Wasser und und und… Fuer westliche Verhaeltnisse ist es natuerlich immer noch guenstig, so dass wir uns mit dem Aufregen zurueckhalten und trotz ueberhoehter Preise in einen indischen Kochkurs investiert haben. Wir freuen uns schon, euch ein leckeres vegetarisches echt indisches Mal zuzubereiten, sobald wir wieder daheim sind! :-)

Von Udaipur ging’s dann per Bus weiter nach Mt Abu, einem Ort in den Bergen, der hauptsaechlich von indischen Touristen besucht wird und mir so wieder “heimischer” vorkommt.

Schaut euch doch einfach mal die Fotos an, die es auf Brittas Planet gibt!

(PS Leider habe ich immer noch keine Hochzeitsbilder hochgeladen, sorry, naechstes mal….)

Von der Herausforderung, eine indische (Ehe)Frau zu sein

Von Hetali’s Hochzeit habe ich ja schon berichtet. Ihre Heirat war eine Liebesheirat – etwas immer noch sehr seltenes in Indien. Ihr langjähriger Freund und heutiger Verlobter lebt seit acht Jahren in den USA, und dorthin zieht Hetali sofort nach Studienende im Mai um. Für meine kleine Hetali beginnt damit ein neues Leben. Und das nicht nur geographisch. Das nicht nur in Bezug auf all die möglichen Kulturschocks, die meine kleine moralverfechtende Freundin in einem Land durchleben wird, in dem in jedem Lokal Alkohol getrunken werden darf, in dem Töchter ihren Freund mit nach Hause bringen (Hetali’s Kommentar dazu: „Wie, das ist keine Erfindung amerikanischer Filmregisseure sondern Wirklichkeit?”) und in dem Heiraten keine Pflicht zur sozialen Absicherung der Frau ist.

Für Hetali beginnt auch eine neues Leben, weil sie das Leben einer typischen indischen Ehefrau führen wird und sich darin trotz der geographischen Entfernung nicht von ihren indischen Freundinnen unterscheiden wird.

Nach der Hochzeit zieht die typische indische Ehefrau in den Haushalt ihrer Schwiegereltern ein. Damit kommen neue Pflichten auf sie zu. Der Tag beginnt morgens zwischen vier und fünf Uhr. Denn bevor der Mann (und in immer mehr Fällen auch sie selbst) zur Arbeit geht und die Kinder in den Schulbus einsteigen, gilt es zu baden, die Wohnräume zu fegen, (für südindische Frauen: ein Rangoli mit weißer Kreide vor den Hauseingang zu zeichnen) und ein warmes Frühstück für die Familie zu kochen. Die Familie, das sind für die meisten Frauen nicht nur Mann und Kinder, sondern auch die Großeltern.

Immer mehr indische Frauen, insbesondere in der wachsenden gebildeten städtischen Mittelschicht, arbeiten Vollzeit. Das befreit sie nicht von ihren häuslichen Pflichten. Im Gegenteil, sie stehen noch früher auf, um auch das Mittagessen, welches ihr Mann dann im „Henkelmann” zur Arbeit mitnimmt, vor Tagesanbruch zuzubereiten.

Wir sprechen im Westen immer davon, wie hart es doch für Frauen ist, die „Doppelbelastung” Familie und Beruf zu vereinbaren. Wir beklagen uns über die ungerechte Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau. Ich denke an Eva Hermann, die das Leben hinterm Herd als die wahre Selbstverwirklichung einer Frau verherrlicht. Ihre Geschichten klingen aus indischer Sicht wie aus einer anderen Welt…

Vielleicht sollten wir uns manchmal ein Beispiel an unseren indischen Gegenübern nehmen. Wir fühlen uns stärker als unsere „armen” Schwestern in weniger emanzipierten Ländern. In Wirklichkeit sind wir nur freier, haben es deutlich leichter im Leben. Ich für meinen Teil bin mir auf jeden Fall sicher, ich wäre zu schwach, um in dieser maskulinen Welt zu überleben, in der dir niemand die Tür aufhält, niemand hilft die schweren Taschen zu tragen, niemand hilft den Tisch abzuräumen oder „den Müll herunterbringt”, in der du abends nach neun nicht alleine das Haus verlassen solltest, weil du zu Freiwild wirst, in der du deine eigenen Bedürfnisse stets hinter die deines Mannes und seiner Familie stellst.

In Hetali’s Hochzeitsglückwunschkarte steht „Die Tugenden einer Frau sind Loyalität, Solidarität, Geduld und Fleiß. Diese Tugenden werden dir helfen, deine neue Aufgabe zu meistern.” Ich habe großen Respekt vor dem Schritt, den meine kleine indische Freundin macht.

Hetali’s Hochzeit

Von Chennai aus fliege ich über Mumbai nach Baroda, einer kleinen Stadt im Staate Gujarat nördlich von Mumbai. Dorther kommt meine liebe kleine Freundin Hetali, die am 10. März heiratet.

Am kleinen Flughafen von Baroda steht ein junger Mann (Hetali’s Bruder) mit zwei Kindern (Hetali’s Cousine & Cousin), die ein kleines Schild hochhalten, auf dem auf deutsch steht „Herzlich willkommen Britta!”. Hetali’s Bruder hat für neun Monate in Aachen studiert und erinnert sich noch ein wenig an die paar Worte Deutsch, die er gelernt hat,

Um mich mit meinem großen Gepäck abzuholen, wurde extra einen Jeep organisiert. Eigentlich hat nämlich niemand in Hetali’s Familie ein Auto, sondern man fährt Motorrad. Die Fahrt durch Baroda zum Haus von Hetali’s Familie ist schon in sich ein Abenteuer. Neben den üblichen Kühen und Ziegen am Straßenrand werden hier auch Lasten von Kamelen durch die Straßen gezogen. Es gibt nur wenige Autos auf den Straßen, dafür um so mehr Two-Wheeler, wie die Inder die knatternden Motorräder, Mopeds und Mofas nennen.

Hetali winkt vom Balkon, als wir ankommen. Dort sitzt sie seit fünf stunden geduldig, um ihr Mehendi auftragen zu lassen, das sind kunstvolle Henna-Zeichnungen auf den Handflächen, an den Armen, Füßen und Beinen.

Im Haus herrscht großer Trubel, viele Verwandte sind schon da, alle Frauen (auch ich) erhalten ein kleines Mehendi auf Handflächen und Armen. Hetali’s Mutter, eine liebe Frau Mitte Vierzig, deren langer geflochtener Zopf ein paar graue Strähnchen zum Vorschein bringt, singt mir ein Willkommenslied und tupft mir einen roten Punkt auf die Stirn – ich kann mir, wie immer, nicht merken wie das heißt.

Es gibt köstliches Mittagessen und ich darf ein Schläfchen halten, bevor ich für den Abend angekleidet wird. Die Zeremonie dieses Abends heißt „Garba”, das ist ein traditioneller Volkstanz im Staate Gujarat, der im Kreis zu rhythmischer, live gespielter Volksmusik getanzt wird. Auf den Fotos, die ich einstelle, ist auch das klassische Gewand zu sehen, das ich zu diesem Zwecke trage. Es wurde mir von Hetali’s Mama geliehen. Die Feier geht bis tief in die Nacht und zu später Stunde erscheint auch endlich Hetali’s Bräutigam samt Familie, die ich schon auf so vielen Fotos gesehen habe.

Am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen, denn ein Priester kommt, um ein reinigendes Ritual zu vollziehen, das sich zu meinem Erstaunen mehr an Hetali’s Bruder und dessen Frau richtet, als an Hetali. Wieder werden sämtliche Gewürze geschwenkt und Punkte in Gesichter gemalt, was ich nicht alles wiedergeben kann. Darauf folgt eine Prozession zum Hause von Hetali’s Onkel, wo wir alle Eiskrem bekommen. Von dort aus marschieren wir mit Tanz und Musik zurück, nun erhält Hetali die Hochzeitsgeschenke ihrer Familie mütterlicherseits.

Am Abend findet wieder ein großes Ritual statt, zu dem auch die Familie von Hetali’s Bräutigam kommt. Braut und Bräutigam werden mit Gelbwurz (Kurkuma) gepudert, dem reinigende Kräfte zugesprochen werden. Danach gibt es hervorragendes Gujarati Essen (eine süßliche Küche), außerdem Live-Musik und Tanz.

Erst am darauffolgenden Tag findet die eigentliche Hochzeit in einer „Wedding Hall” statt. In der Mitte der Halle nehmen Braut und Bräutigam auf einer Art mit Blumen geschmückten Podest Platz. Zwar gehören beide zur Kaste der Brachmanen, jedoch ist Hetali Gujarati und ihr Bräutigam Maharati (aus dem Staate Maharastra). Dementsprechend treffen zwei Kulturen mit verschiedenen Ritualen aufeinander. All diese Details hier zu erläutern wäre zu viel… Kurz gefasst: nach drei Stunden voller verschiedenster Rituale laufen die beiden endlich sieben mal um ein kleines Feuer und sind somit verheiratet!

Nach dem Hochzeitsmahl steigt Hetali mit ihrer Schwiegerfamilie in ein kleines weißes Auto und reist ab – sie lebt von nun an im Haushalt ihrer Schwiegereltern, ein trauriger Abschied für ihre Eltern.

Ich verbringe die letzten Stunden vor meiner Abreise mit Hetali’s Familie in deren Haus. Wie lieb habe ich all die Onkels und Tanten, Cousinen und Cousins, Oma und Opa in den wenigen Tagen gewonnen! Mit viel Winken und Drücken werde ich verabschiedet und mache mich in einem Nachtbus auf die Reise nach Diu, wo ein sauberes Einzelzimmer mit separatem Bad (zum ersten mal ein Bad nur für mich im Jahre 2008!!!) auf mich wartet.

Jetzt beginnt meine große Indien Reise!

Abschied nehmen von Chennai

Ich kann es kaum glauben! All meine Klausuren und Hausarbeiten liegen hinter mir, mein riesiger Rucksack liegt gepackt neben mir auf dem Rücksitz des Taxis, das mich zum Flughafen fährt. Es ist vier Uhr nachts. Ich hatte einen tollen Abschiedsabend.

Wir sind alle zusammen essen gegangen, fünfzehn liebe Kommilitonen sind mitgekommen. Zu meiner großen Überraschung überreichte mir Sathya, im Restaurant angekommen, im Namen aller einen großen Blumenstrauß. Das Panjabi Essen war köstlich und es war toll, noch einmal mit allen zu tratschen und zu lachen.

Zurück am Campus hieß es Abschied nehmen von den meisten (einige treffe ich glücklicherweise in Mumbai und Delhi wieder). Es fällt mir deutlich schwerer als letzten Dezember in Spanien. Ich hätte es niemals für möglich gehalten, dass ich in diesen zwei Monaten so zu einem Bestandteil der Klasse werden könnte. Auch für meine neuen Freunde war ich „anders, als sämtliche anderen Austauschstudenten” – wirklich Teil der MBA-Klasse.

Die Mädels in meinem Hostel haben sich alle ihren Wecker auf 3:30 Uhr gestellt, um mich noch einmal vor meiner Abfahrt in den Arm zu nehmen und mir nachzuwinken.

Jetzt, wo mein Taxi die Campus-Grenze überquert, werde ich mir bewusst, was ich da hinter mir lasse. Die wahrscheinlich intensivsten zwei Monate meines Lebens – voller Unsicherheit und Angst vor all dem Neuen, voller Begeisterung ob der Hilfsbereitschaft aller und der geknüpften Freundschaften. All die fröhlichen abendlichen Versammlungen in Hetalis Zimmer, voller Klatsch und Tratsch. All die verzweifelten Stunden mit Shilpa und Megha vor scheinbar unlösbaren Hausarbeiten. Das sich nie verändernde Kantinenessen. Die Festivals, die Ausflüge, die gemeinsamen Afternoon teas… Alles ist plötzlich vorbei. Und gerade als die Tränen zu kullern anfangen, klingelt mein Telefon. Vinayah will noch mal „Chuss” sagen (so schreibt sie Tschüss, was ich ihr beigebracht habe), Chaitu wünscht mir alles Gute. Megha smst mir, dass sie sicher ist, dass wir uns noch ganz oft wieder sehen. Keine Zeit für Traurigkeit.

Das ist Indien. Du bist niemals allein!

Klassenfahrt nach Kerala!

Es ist soweit. Gerade habe ich meinen Abenteuerausflug nach Pondy überstanden, da beginnt auch schon die nächste Reise: Unsere viertätige Klassenfahrt nach Kerala, den kleinen, kokosnussbewaldeten Staat an der südindischen Westküste, beginnt.

Mit circa zwanzig Kommilitonen machen wir uns am Freitag Nachmittag auf den Weg. Ein Bus bringt uns vom Campus zum Bahnhof, wo wir zwei Stunden auf unseren natürlich hoffnungslos verspäteten Zug warten. Die Zugfahrt ist ein Erlebnis. Wir fahren in einem Schlafwagen mit blauen Kunstledersitzen, die sich zu drei übereinander angeordneten Liegen umklappen lassen. In regelmäßigen Abständen werden allerlei Getränke, Snacks und Mahlzeiten von durchlaufenden Verkäufern dargeboten. Wir vertreiben uns die Zeit mit singen, Musik hören und Karten spielen bis wir gegen Mitternacht alle unsere Liegen besteigen und uns vom gleichmäßigen Rattern des Zuges friedlich in den Schlaf wiegen lassen.

Um sieben Uhr morgens nehmen wir auf dem Bahnsteig in Calicut unser Frühstück ein und fahren dann mit einem angemieteten Bus weiter zu unserem Hotel. Unser Ziel liegt ist Waynad, ein Distrikt in den Whestern Ghats, der Bergkette, die Kerala von Tamil Nadu trennt. In Anbetracht des grandiosen Ausblicks über die grünen Berge und der frischen Bergluft hat sich unsere Reise schon jetzt gelohnt.

Ich bin positiv überrascht davon, wie gut unser Ausflug organisiert ist. Die Highlights sind

- Wanderung zu Berghöhlen
- Ausflug zu einem Wasserfall
- Flussüberquerung (zu Fuß) zu einer kleinen Insel und dortige Wanderung
- Lagerfeuer in den Bergen
- Jeepsafari, auf der wir wilde Elefanten, Bysons, Wild und putzige Äffchen sehen
- Tretbootfahren auf einem kleinen See
- Besichtigung eines Stausees
-Besichtigung des Strandes, an dem Vasco de Gama, der portugiesische Entdecker, 1490 zum ersten mal Fuß auf indisches Land gesetzt hat
- Köstliches Essen: bester fangfrischer Fisch!

Alkohol ist, wie immer, tabu und wird von niemandem vermisst, ganz anders als auf unseren europäischen Klassenfahrten. Wir reisen wie eine große Familie. Neben dem offiziellen Programm wird, wie immer, fröhlich gesungen und getanzt – die Inder sind unglaublich musikverrückt und nutzen jede Möglichkeit, um im Bus die Hindi-Musik aufzudrehen. Karten spielen erfreut sich auch größter Beliebtheit. Für einen Abend hat Tanima außerdem ein Bingo-Spiel für alle vorbereitet.

Langsam realisiere ich: Ich werde das alles vermissen…